Kurz und prägnant muss er sein, ins Ohr gehen und am besten auch drinbleiben: unser Teamname.
Er muss klingen, eine Botschaft senden und natürlich Weltmeistern gut zu Gesicht stehen. Ganz klar. Zu dumm nur, dass wir uns darüber erst am Check-in-Schalter Gedanken machen. Ein Aufblasiglu mit großer Sponsorenaufschrift und kleinem Innenleben mitten auf dem Marktplatz in Winterberg. Dann kommt der Bierstand, dann die Würstchenbude, daneben die Verköstigungsstelle mit Fruchtschnäpsen, ein paar Wände mit noch mehr Sponsorenaufschriften, und da steht es: das "Battlefield", wie die chronisch überschnappenden Moderatoren unentwegt krakeelen. Eine Arena, nur für die Schneeballschlacht-Weltmeisterschaft 2009.
Also, was ist jetzt mit unserem Teamnamen? Klar ist doch, dass er den Zusammenhalt unserer Schicksalsgemeinschaft spiegeln muss. Dass er den besonderen Geist beschwört, von unserem sauerländischen "Holiday on ice". "Uns!" Wie bitte, fragt der freundliche Herr im Check-in-Iglu. Ja, wir werden "Uns" heißen. Das ist unser Teamname. Schon gut, wir sind ja auch nicht zum Dichten hier, sondern um andere mit Schnee zu beschmeißen. Als wir im WM-Vorprogramm als "Team Uns" auf die Bühne gebeten werden, fällt uns dann schon auf, wie dämlich das eigentlich klingt. "Wichtig is' aufm Platz", hat mal ein weiser Mann gesagt, der gut Fußball spielen konnte.
"Uns", das sind Tilly "the cannon", Phil "the kill" und Alex "thesmasher". Wir kennen uns aus der Schule. Wir sind alle kräftiger geworden seitdem. Und wir sind nicht hier, um zu verlieren. Die Kampfnamen kann man auf unseren roten Shirts wunderbar lesen. Schneeballschlacht hat auch eine Menge mit Psychologie und Abschreckung zu tun - glauben wir zumindest. Hinter der Bühne kommt es zum ersten Feindkontakt. Wir sehen den stämmigen Ostwestfalen vom Team "Untouchables" in die Augen, die Arme haben so dick wie Schenkel. Wir erspähen hünenhafte Jungs vom Team "St. makack'n", die schon um zehn Uhr morgens mit Haut und Haar nach Bier riechen. Wir machen uns bekannt mit den derb dreinschauenden "Snowfighters", die die Schlagertexte, die aus den Boxen dröhnen, alle mitsingen können.
Im Takt trägt das Team "Junge Union Winterberg" ein Merkel-Porträt wie eine Monstranz vor sich her. "Unsere Schutzpatronin hat gezeigt, dass man in Krisenzeiten einen klaren Kopf behalten kann", sagt deren Anführer. Die Kerle wissen wohl gar nicht, was sie tun. Sie machen sich hier der Politisierung eines politikfreien Refugiums - die Schneeballschlacht an sich - schuldig. Sie gefährden die Unschuld des menschlichen Triebs, Schnee mit den Händen zu formen und auf Artgenossen zu werfen, ob diese es wünschen oder nicht. Sie werden früh scheitern. Warum setzen sie nicht ein anderes Signal, wie: Lasst uns die Krise mit Schneebällen aus Ärmeln und Hirn schütteln.
Die dritte Weltmeisterschaft seit Erfindung der Schneeballschlacht ist eröffnet. Mögen die Spiele beginnen. Mögen sie fair und harmonisch ablaufen. Möge der Beste gewinnen. "Blablabla", meint Phil "the kill", "wir holen den Pokal, egal wie." Die unbesiegten Weltmeister betreten das Feld zum Eröffnungsspiel der Schneeballschlacht-Welttitelkämpfe 2009. Es sind die "Four Gates Aua Handballer" - sauerländische Lokalmatadoren, kein Gramm Feit am Körper, Weltmeister in den Jahren 2007 und 2008. Ihr Leitspruch: "Ob Typ oder Fee, unsere Schneebälle tun weh." Und unsere erst, lasst euch das gesagt sein! Ein Blick in die Gesichter von "Tilly, the cannon" und "Phil, the kill" genügt, um zu spüren, dass wir alle dasselbe denken. Nonverbale Kommunikation ist das A und 0 im Duell drei gegen drei in der Arena. Glauben wir zumindest. Mit dem Schneeball in der Hand und der Leidenschaft im Wurfarm werden wir Weltmeister sein! Drunter machen wir es nicht.
Die Auftaktgegner von "Aua Handballer", ein Team, das sich als flinker Anrufer bei einem hessischen Radiosender für einen Startplatz im WM-Feld qualifiziert hat, müssen sich wie eingeseift fühlen. Ein Spiel dauert zweimal drei Minuten. Zehn mal fünf Meter ist die Arena groß, der Schnee unter den Füßen der Werfer ist aus dem nahen Skigebiet auf den Marktplatz gekarrt worden. Eine angetaute, pappig-nasse Masse. Und die fliegt! Über die vier Tannenbäumchen - Marke Tischweihnachtsschmuck - in der Feldmitte hinweg. Ein Stuhlschiedsrichter wacht wachen Blickes über das Schneetreiben, zwei bemitleidenswerte Damen stehen zu seinen Füßen und zählen den ganzen lieben feuchtkalten Tag lang die Treffer. Jeder noch so kleine Streifschuss zählt. Bärenstark ist die Wurffrequenz der amtierenden Weltmeister, gnadenlos ihre Treffsicherheit: Mit 122:27 gewinnen sie ihren diesjährigen Premierenauftritt. Das Publikum johlt, die Geschlagenen legen sich auf eine Bank in der "Players Area", die Gesichter rot, die Atmung schwer. Für Ihre schwächlichen Würfe wären sie wohl selbst in der Grundschule ausgelacht worden. Einer sagt: "Unser gemeinsames Hobby ist eigentlich das Singen."
Jene Schneebälle, die in der Luft zerstäuben wie ein Schuss aus der Schrotflinte, zählen nicht als Treffer. Nur ein ehrlich geformter, zackig den Gegnern entgegengeschleuderter Ball tut's, wenn er möglichst auf dem Helm des Gegenübers explodiert, auf dessen Schneebrille haftenbleibt und ihm die Sicht vernebelt oder auch mal eine ungeschützte Lippe aufplatzen lässt. "Wirkungstreffer" nennen die "Aua Handballer" sie. Das klingt hart und ist es auch. Bei einer intensiven Schneeballschlacht wird stets auch Ernst und Ehrgeiz freigesetzt - zumindest in Spurenelementen. Vor so vielen Zuschauern erst recht.
Je näher unser erstes Gefecht rückt, desto derber werden die Späße und martialischer die Sprüche. Sich dem Thema Schneeballschlacht sportlich-wissenschaftlich (Taktik, Gegnerbeobachtung, Wahl der passenden Handschuh) zu nähern scheint enthemmend für die Verwendung von Militaria-Begriffe zu wirken. Da marschieren Truppen auf, da rüsten sich Gladiatoren, Formationen werden gebildet, Flanken gesichert, zur Attacke geblasen und aus allen Rohren geschossen.
Unser erster Gegner: das Team "Xtreme Drums". Na dann wollen wir denen mal ordentlich auf die Pauke hauen. Ein niederländischer Feriengast filmt mit seinem Handy unser choreographiertes Aufwärmprogramm. Armkreisen, Ausschütteln, Armkreisen. Der XL-Helm schlackert mir um die Schläfen, die Skibrille klemmt auf dem Nasenbein. Im Spielerzelt stehen kistenweise Energydrinks eines Sponsors rum. Wir entscheiden uns für das Blut-Doping auf den letzten Drücker - als Team, alle gemeinsam, Egotouren werden jetzt nicht mehr geduldet. Die Anspannung kann man nicht mehr verhehlen, das Adrenalin nicht mehr leugnen. Wir packen uns an den Schultern, "jetzt zählt's!", rufe ich den Jungs zu. Und jetzt? Ihr kommt kampflos ins Achtelfinale, tönt der Moderator und glaubt, dass wir uns darüber freuen. Unsere Gegner sind nicht angetreten, spurlos verschwunden. Die Wartezeit bis zur nächsten Runde: Exakt vier Stunden und fünfzig Minuten. Wir nehmen uns ein paar Energydrinks mit.
Später Nachmittag, leichter Nieselregen setzt ein. Das belgische Team "De skireis" kreuzt unseren Weg hinauf auf den WM-Thron. Armkreisen, Ausschütteln, Armkreisen, und noch einen Energydrink. Wir packen uns an den Schultern. "Männer", höre ich mich schreien, "das ist der Moment, auf den wir monatelang hingearbeitet haben. Wir sind so was von heiß und so was von gallig auf den Sieg. Wir brauchen hier niemanden zu fürchten." Wie Klinsi bei der Fußball-WM bei seiner Kabinenpredigt vor dem Polen-Spiel. "Phil, the Kill" und "Tilly, the cannon" schauen ein wenig betreten. Dabei wollte ich doch nur den aufgestauten Druck in die reine Wurflust verwandeln. Und los geht's. Phil rechts, Tilly in die Mitte und ich rechts. Feuer frei!
Es ist ein Gewitter an Schneebällen, das auf beiden Seilen der Tannenbäumchen runtergeht. Das Gesicht glüht, der Rücken knackt, die Schenkel brennen, der Schweiß rinnt. Wahnsinn, wie anstrengend das ist! Ich höre "Tilly, the cannon" unter einem Volltreffer stöhnen. Ich muss mich mit einer Salve an dem belgischen Mittelmann rächen, schießt mir durch den Kopf. Die Distanz zwischen den Parteien ist gering, viele Geschosse finden ihr Ziel. Günstig für gezielte Attacken sind die Momente, in denen der Gegner nach neuem Schnee greift. Mein Gegenüber-Belgier wirft mitunter ein bisschen John-Wayne-mäßig, so aus der Hüfte. Schlusspfiff: Hat das gereicht, Jungs? Alle nicken. Endstand: 120:86 für uns. Jetzt sind wir WM-Debütanten der Geheimfavorit auf den Titel. Reden wir uns zumindest ein.
Die Auslosung aber meint es nicht gut mit "Uns". Im Viertelfinale warten die "Aua-Handballer". Die haben sogar einen Physiotherapeuten dabei und zwei Souffleusen, die während der Schlacht taktische Anweisungen geben. Lächerlich. Wir haben "Uns" - und das reicht! Armkreisen, Ausschütteln, Armkreisen, Energydrink. Ich verzichte auf eine weitere Ansprache an die Jungs. Das Publikum ist für uns, lärmt, feuert an, sie wollen den Weltmeister fallen sehen. Können sie haben! Adrenalingewitter. Tunnelblick. Die Marktplatzkulisse mit dem "Hessischen Hof" und seiner angepinselten Fachwerkfassade verschwindet aus meinem verengten Blickfeld.
Am Ende des Tunnels steht Felix, 1,94 Meter groß. Ja, ich kenne deinen Namen, weiß, wer du bist. Schneebälle rauschen heran und fort, das hier ist eine andere Hausnummer als eben. Na, Felix, hier bin ich, kannste nicht mehr? Nimm das und das! Da staunste, was? Immer weiter, immer mehr: Runter, greifen, hoch, peilen, werfen, runter, greifen! Ich komme mir vor wie ein Kampfroboter. Oha, die Typen da drüben können echt was. Pitsch, patsch macht es unentwegt auf meinem Helm, im Gesicht, auf dem Rumpf, überall. Ihre knallharten Würfe brechen von oben über uns herein wie ein Regenschauer. Nur dass dieser hier während der Spielzeit nicht mehr aufhört.
Ist es nicht überhaupt frevelhaft, eine der letzten Inseln der Spontanität im Schnee, eine Schneeballschlacht, in ein Korsett aus Regeln und Bestimmungen zu pressen? Das wird dem Charakter einer Schneeballschlacht nicht gerecht! Wir gehen erhobenen Hauptes und nein, wir werden uns nicht ärgern. Schlusspfiff. Die und wir fallen uns in die Arme. "Ein geiles Match", keucht irgendjemand. Die Moderatoren spannen uns auf die Folter. Wie bei einer Castingsendung im Fernsehen. Wer muss gehen? "Das Team ,Uns‘ hat 133 Treffer erzielt!", ruft ein Moderator. Aus nassen Verlierertypen werden wieder vitale Siegertypen. Das muss doch reichen, Männer, jetzt werden wir Weltmeister, wer soll uns noch stoppen! "Und die Aua-Handballer", fährt er mit anschwellender Stimme fort, "haben unglaubliche 183 Treffer gemacht. Das ist absoluter WM-Rekord. Das gab es noch nie." Das Publikum stöhnt auf, wir packen uns an den Schultern. Die haben uns umgerechnet fast alle zwei Sekunden einen Schneeball eingeschenkt. Das darf doch nicht wahr sein. Wo waren unsere Abwehrkräfte? Unser Traum ist zerstoben. Wie ein Schneeball, der es, mit letzter Kraft geworfen, gerade mal bis zu den Tannenbäumchen geschafft hat.
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